Dabei ist
die Situation in Mecklenburg-Vorpommern noch bei weitem
nicht so dramatisch, wie z.B. in Brandenburg: Im Raum
östlich von Berlin und im Norden der Hauptstadt gibt es
sehr dichte Waschbärenbestände, was sicherlich damit
zusammenhängt, dass die ostdeutsche Population der Tiere
sich (nachweislich völlig unabhängig von der westlichen)
aus zwei Kernzonen entwickelt hat:
Durch Kriegseinwirkung kamen 1945 Tiere aus einem Gehege frei
und in den 1970er Jahren entkam eine Gruppe aus dem Heimattiergarten
von Kunsterspring bei Neuruppin.
Waschbären
(Procyon lotor) sind ausserordentlich anpassungsfähige
Tiere. Sie sind vorwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv und schlafen
tagsüber in Baumhöhlen oder anderen Unterschlupfen (s.u.).
Es sind
geschickte Kletterer, die so ziemlich alles fressen, was ihnen
vor die Nase kommt, sowohl pflanzliche Nahrung als auch Wirbellose
und kleine Wirbeltiere. Früchte und Insekten in Gärten und Speisereste
im Müll sind leicht verfügbare Nahrungsquellen, die Nähe
des Menschen verspricht ein grosses und abwechslungsreiches
Nahrungsreservoir.
Den Waschbären-Überfall
auf einen Obstgarten oder das Stöbern in der Mülltonne
- damit haben wir keine Probleme. Aber Waschbären räumen
radikal auf unter der heimischen Wildtierwelt. Kein Gelege,
kein Jungvogel ist vor ihnen sicher.
Selbstregulierung
der Natur?
Die Gefahr,
die von fremden Tierarten (Neozoen) für die heimische Tierwelt
ausgeht (das gilt im Pflanzenreich ähnlich) wird gerne
verharmlost: Die Natur würde sich von selbst regulieren;
wenn eine neue Art sich zu stark vermehre und dadurch das Nahrungsangebot
zu gering werde, würde sich ein neues biologisches Gleichgewicht
einpendeln.
Hört
sich gut an, ist aber falsch.
Es trifft
bestenfalls zu auf Nahrungsspezialisten. Deren Populationen
würden tatsächlich zusammenbrechen, wenn die Nahrung
knapp wird. Solche Arten würden wieder aussterben oder
wegziehen und zwar, bevor sie die letzten Exemplare ihrer Beutetiere
gefressen haben. Die verbliebenen Restbestände der Beutetiere
erholen sich innerhalb kürzester Zeit im Rahmen des alten
biologischen Gleichgewichts wieder. (Eisvögel z.B. können
Bestandsverluste von 90% durch einen starken Winter innerhalb
von nur einem Jahr vollständig ausgleichen.)
Waschbären
aber sind Allesfresser. Sie vernichten ggf. eine Beutetierpopulation
(z.B. eine Tierart, die sich an die Jagdgewohnheiten der Neubürger
nicht anzupassen versteht), bleiben aber trotzdem im Gebiet,
weil sie ja noch genügend andere Nahrung finden. Bevor
die Restbestände ihrer Beutetiere sich nachhaltig erholen
können, werden sie schon wieder aufgefressen.
Und anpassungsfähige
Tiere wie Waschbär und Elster sind nun mal auch sehr clevere
Tiere, die sich viel schneller auf eine neue Beute einstellen,
als die Beutetiere sich auf die Beutegreifer einstellen können.
Bei hohem
Populationsdruck lernen Elstern z.B. junge Schwalben im Flug
(!) zu fangen, wie der Autor regelmässig beobachten konnte.
Und eine ganze Brut junger Schwalben ist noch nicht einmal das
Frühstück für eine Elsternfamilie. . .
Auf Waschbären
trifft die Theorie der Selbstregulierung genauso wenig zu, wie
auf Elstern.
Dabei sind
Waschbären Tiere, die man durchaus ins Herz schliessen
kann, solange man nicht weiss, was los ist.
Die gut
katzengrossen Kulturfolger sind hübsch und possierlich
und wirken durchaus liebenswert. Anders als in ihren natürlichen
Siedlungsgebieten nutzen sie gerne das hochwertige Nahrungsangebot,
das ihnen die Nähe menschlicher Siedlungen bietet.
Und die
Verstädterung geht weiter: Nach Angaben von Wissenschaftlern
übernachtet mittlerweile fast die Hälfte der verstädterten
Waschbären in Häusern (Dachböden oder in Geräteschuppen)
- da hat man's nicht so weit zum Fressen.
Trotz ihrer
Häufigkeit bekommt man die Kleinbären nur selten zu Gesicht.
Meistens verraten nur die Hinterlassenschaften der gefrässigen
Tiere und evtl. das Rumoren an der Mülltonne die Anwesenheit
von Waschbären.
Natürlicherweise
leben Waschbären bevorzugt in gewässerreichen Laub- und
Mischwäldern, wie sie Mecklenburg-Vorpommern in starkem Umfang
bietet.
Natürliche
Feinde haben Waschbären kaum; in ihrer Heimat Amerika regulieren
sich die Bestände angeblich durch Krankheiten. Da die Vermehrungsrate
hoch ist, erholen sich die Bestände rasch. Zumindest in
Mecklenburg-Vorpommern sind Waschbären - wie auch der Marderhund
- häufige Opfer im Strassenverkehr.
Waschbären-Forschung:
Obwohl die
Tiere in Deutschland mittlerweile sehr zahlreich sind, scheinen
sie wenig erforscht zu sein. Der Autor hat den Eindruck, dass
die Wissenschaft die geradezu explosionsartige Verbreitung der
Art in den letzten 30 Jahren gar nicht so richtig mitgekriegt
hat. Erst in neuester Zeit hat man mit einigen Forschungsprojekten
begonnen und bei diesen Projekten hat man den Eindruck, dass
die Wunschergebnisse schon feststehen: Es sind ja auch sooo
putzige Gesellen.
In Mecklenburg-Vorpommern
gibt es mittlerweile ein Projekt im Müritz-Nationalpark, um
Daten für eine ökologische Bewertung des WaschbärVorkommens
liefern zu können. Aber warum hat man dazu eine Gegend gewählt,
in der der Populationsdruck durch Waschbären noch nicht
so gross ist und in der es für die heimische Tierwelt relativ
gute Rückzugsgebiete gibt, also eine Gegend, die zwar ideal
für den Waschbären ist, aber keineswegs real
in Bezug auf die gesamte Bundesrepublik?
Für
und Wider einer Dezimierung der Waschbären:
Die Meinungen
über den Waschbär gehen weit auseinander. Einerseits
hat die Art eine nicht geringe Lobby. Auf der anderen Seite
stehen Naturschützer, die ein grosses ökologisches
Problem sehen. Und drittens scheint es eine Position zu geben,
die das Pfeifen im dunklen Keller übt: "Zudem kann
die Art durch Bejagung nicht zurückgedrängt oder aus der heimischen
Natur entfernt werden." (NABU)
Aber selbst
der NABU, sonst Verfechter einer rigorosen Vernichtung von durch
Menschen eingebürgerten Tierarten (s. Mufflon)
ist beim Waschbären einigermassen uneinig:
“Mittlerweile hat sich der Waschbär zu einem echten Problemtier
entwickelt, das starke Auswirkungen auf die einheimische Tierwelt
hat” Auch das ist O-Ton vom NABU
Die Position
- "es ist zu spät, um diese Tiere noch wirksam zurückzudrängen,
wir müssen uns mit ihnen arangieren" - haben wir übrigens
in zahlreichen Stellungnahmen gefunden.
Die Befürworter
der Waschbären geben für ihre Position eigentlich
gar keine Begründung, ausser der, dass ein Schaden durch
die Tiere wissenschaftlich nicht bewiesen sei (klar, es hat
ja auch noch kaum wissenschaftliche Untersuchnungen gegeben).
Ausserdem sei die Art mittlerweile (also nach ca. 75 Jahren)
als heimisch - und damit natürlich schützenswert -
anzusehen.
Die Waschbären-Gegner
befürchten eine ökologische Beeinträchtigung der einheimischen
Fauna, ihre Verfälschung, insbes. die Verdrängung
von Arten wie dem sensiblen Fischotter,
für den der robuste Waschbär eine direkte Konkurrenz
ist. In Auerhuhnrevieren wird der Waschbär als Fressfeind
gefürchtet. Da spielt es dann auch kaum eine Rolle, dass
der Waschbär sich nur zu einem geringen Teil von Vögeln
und ihren Gelegen ernährt: Bei einer sechsstelligen Zahl
von Waschbären würde natürlich ein Nahrungsanteil
von auch nur 1% reichen, um alle Auerhuhngelege (Bestand in
Deutschland weit weniger als 1000 Brutpaare) zu zerstören!
In weitläufigen,
intakten Ökosystemen können andere Arten sich an die Anwesenheit
der räuberischen Waschbären anpassen, im dicht-besiedelten
Deutschland aber ist das für die sensiblen Arten nicht
möglich.
Eine
überraschende Erkenntnis:
Für
die wissenschaftliche Beurteilung von Artenschutz- und Wiederansiedlungsprojekten
führt die Erfolgsstory der Waschbären übrigens
zu einer überraschenden Erkenntnis:
Die gesamte
Waschbärenpopulation in Westdeutschland lässt sich
auf nur zwei Paare zurückführen, die 1934 in Hessen
ausgesetzt wurden! Aus diesen 4 Individuen haben sich im Laufe
von nur 75 Jahren weit über 100.000 Tiere entwickelt. Trotz
der extrem geringen genetischen Vielfalt von nur 4 Exemparen
zu Beginn sind keinerlei Probleme (Erbkrankheiten) feststellbar.
Ein kleiner Gen-Pool führt also (bei günstigen Lebensbedingungen)
nicht unbedingt zu Erbschäden durch Inzucht.